Unser fachliches Verständnis für die Arbeit mit Menschen im Autismus- Spektrum
1. Die fachwissenschaftliche und diagnostische Sicht auf Autismus hat sich in den vergangenen Jahren deutlich gewandelt. Autismus wird heute nicht mehr primär als starres System einzelner Unterformen, sondern als Autismus-Spektrum-Störung mit heterogenen Erscheinungsbildern und unterschiedlicher funktionaler Ausprägung verstanden. Dies trägt auch zu einer vermehrten Erkennung und damit zu steigenden Prävalenzangaben bei, insbesondere infolge erweiterter diagnostischer Kriterien, zunehmender Aufmerksamkeit und verbesserter Zugänge zur Diagnostik (Elsabbagh et al., 2012; Nature Mental Health, 2026). Für professionelle Akteure folgt hieraus die Notwendigkeit einer differenzierten, personenzentrierten und ressourcenorientierten fachlichen Sichtweise, die der Vielfalt des Spektrums angemessen Rechnung trägt (Cherewick & Matergia, 2024).
2. Im Sinne eines Autismus-Spektrums ist davon auszugehen, dass autistische Merkmale nicht von vornherein einen Störungswert begründen. Vielmehr kann von einem breiteren phänotypischen Bereich autistischer Ausprägungen ausgegangen werden, innerhalb dessen erst diejenigen Erscheinungsformen als Autismus-Spektrum-Störung zu klassifizieren sind, bei denen die neurobiologisch bedingten Besonderheiten der Wahrnehmung, Informationsverarbeitung und Reizregulation mit klinisch relevanten Anpassungs- und Teilhabebeeinträchtigungen sowie subjektivem Leidensdruck verbunden sind.
3. Bereits das DSM-5 (American Psychiatric Association, 2013) fasste die zuvor getrennt geführten Diagnosen Frühkindlicher Autismus, Asperger-Syndrom und Atypischer Autismus zusammen. Das DSM-5-TR (American Psychiatric Association, 2022) führte diese Spektrumsicht fort und ordnet die Autismus-Spektrum-Störung den neurodevelopmental disorders zu. Damit wurde ein Verständnis zugrunde gelegt, wonach neurobiologisch bedingte Besonderheiten der Wahrnehmung, der Informationsverarbeitung sowie des Reiz- und Aufmerksamkeitsmanagements in ihrer Wechselwirkung mit sozialen und umweltbezogenen Anforderungen zu den wesentlichen Grundlagen des Störungsbildes zählen.
4. Die Erscheinungsformen der Autismus-Spektrum-Störung können in Abhängigkeit von Unterstützungsbedarf, Entwicklungsstand, sprachlichem und kognitivem Profil sowie Lebensalter erheblich variieren. Gerade diese phänotypische Heterogenität begründet den Spektrumbegriff und erklärt, weshalb eine rein kategoriale Aufteilung aus heutiger fachlicher Sicht nur noch eingeschränkt tragfähig ist. Epidemiologische und klassifikatorische Arbeiten haben seit Jahren darauf hingewiesen, dass sich die diagnostischen Grenzen innerhalb der früheren tiefgreifenden Entwicklungsstörungen verbreitert haben und dass die heutige Spektrumsicht die klinische Realität besser abbildet als die ältere Subtypenlogik (Fombonne, 2009; Elsabbagh et al., 2012).
5. Mit dem Konzept des Autismus-Spektrums hat sich auch die klassifikatorische Einordnung der Autismus-Spektrum-Störung in den aktuellen diagnostischen Systemen grundlegend verändert. Während frühere Klassifikationen, die aktuelle Klassifikation nach ICD-10 gehört dazu, stärker von voneinander abgegrenzten Unterformen ausgingen, wird Autismus in neueren Systematiken als Spektrum mit unterschiedlichen hoch individuellen Störungsausprägungen verstanden.
Die zukünftige ICD-11 ordnet die Autismus-Spektrum-Störung den neuromentalen Entwicklungsstörungen und nicht mehr den tiefgreifenden Entwicklungsstörungen zu. In der deutschsprachigen fachlichen Einordnung wird damit hervorgehoben, dass es sich nicht um ein starres, kategorial eng abgrenzbares Störungsbild handelt, sondern um ein entwicklungsbezogenes Spektrum mit individuell unterschiedlicher Ausprägung und funktioneller Relevanz (Tebartz van Elst, 2024).
Für den deutschen Versorgungskontext ist jedoch zwischen fachlicher Einordnung und formaler Kodiergrundlage zu unterscheiden. Ungeachtet des weiterentwickelten klassifikatorischen Verständnisses in der ICD-11 stellt die ICD-10-GM gegenwärtig (Stand 2026) weiterhin die amtliche Grundlage für die Diagnosenverschlüsselung dar. Mit der deutschen ICD-11-Testversion des BfArM (2026) liegt zwar bereits eine fachlich fortentwickelte Klassifikationsfassung vor, diese ist jedoch derzeit noch nicht für gesetzliche Anwendungszwecke freigegeben.
Für die Konzeption eines Autismuszentrums bedeutet dies derzeit, dass das fachliche Verständnis von Autismus am aktuellen Spektrumkonzept und damit an einem entwicklungsbezogenen, differenzierten und personenzentrierten Klassifikationsverständnis auszurichten ist, während diagnostische Nachweise, sozialrechtliche Zuordnungen und leistungsrechtliche Verfahren weiterhin auf der Grundlage der jeweils geltenden amtlichen Klassifikations- und Nachweisstandards zu erfolgen haben.
6. Die Autismus-Spektrum-Störung ist nach ICD-11 eine neurobiologisch bedingte neuromentale Entwicklungsstörung, die durch anhaltende Auffälligkeiten in der sozialen Kommunikation und sozialen Interaktion sowie durch eingeschränkte, repetitive und wenig flexible Verhaltensmuster, Interessen oder Aktivitäten gekennzeichnet ist. Zum Störungsbild können zudem lebenslang bestehende Besonderheiten der sensorischen Reizverarbeitung gehören, insbesondere eine Über- oder Unterempfindlichkeit gegenüber Reizen oder ein ungewöhnlich ausgeprägtes sensorisches Interesse.
7. Fachlich ist zu beachten, dass die ältere kategoriale Beschreibung nach ICD-10, insbesondere in Bezug auf Frühkindlichen Autismus und Asperger-Syndrom, wesentlich an einem männlich geprägten Stereotyp orientiert war. In der neueren Forschung wird demgegenüber zunehmend von einem weiblichen Phänotyp der Autismus-Spektrum-Störung ausgegangen, der vom männlichen Erscheinungsbild deutlich abweichen kann (Bargiela et al., 2016).
8. Auch sogenannte Tarnphänomene (Social Camouflaging, Hull et al., 2017) sind bedeutsam. Gemeint sind Strategien der Maskierung und Kompensation, in neueren konzeptionellen Arbeiten wird auch Assimilation als weiterer Typ sozialer Anpassung diskutiert (Klein et al., 2025), mit denen autistische Menschen soziale Auffälligkeiten verbergen oder ausgleichen. Diese Tarnphänomene können dazu beitragen, dass autistische Merkmale im beobachtbarem Verhalten insbesondere aber auch im diagnostischen Prozess weniger deutlich erkennbar sind.
9. Autismus-Spektrum-Störungen können im neuromentalen Verständnis weiterhin mit anderen Entwicklungsstörungen nach ICD-11 überlappen. Dazu können Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörungen, Störungen der Intelligenzentwicklung, spezifischen Lernentwicklungsstörungen sowie Tic-Störungen gehören. Insofern sind sowohl differentialdiagnostische Mehrfachdiagnosen zu beachten (Thapar et al., 2017; Tebartz van Elst et al., 2025) als auch in der Arbeit mit Betroffenen die phänotypische Vielfalt in der Teilhabebeschränkung.
10. Darüber hinaus können im Zusammenhang mit einer Autismus-Spektrum-Störung komorbide psychische Störungen auftreten, insbesondere zum Beispiel Angststörungen, affektive Störungen und Zwangsstörungen (Hossain et al., 2020; Wichers et al., 2023).
11. Ferner ist in der Arbeit mit Menschen mit Autismus-Spektrum-Störung zu berücksichtigen, dass anhaltender Anpassungsdruck und fortgesetzte Kompensationsleistungen im Sinne des Camouflaging mit erheblichen Belastungsfolgen verbunden sein können. Hierzu zählen insbesondere Erschöpfung, Rückzug, funktionale Einbußen im Alltag sowie eine zeitweise verstärkte Ausprägung autistischer Merkmale bis hin zu einem autistischen Burnout (Higgins et al., 2021; Conde-Pumpido et al., 2025).
Literaturverzeichnis
American Psychiatric Association. (2013). Diagnostic and statistical manual of mental disorders (5th ed.). American Psychiatric Publishing.
American Psychiatric Association. (2022). Diagnostic and statistical manual of mental disorders (5th ed., text rev.; DSM-5-TR). American Psychiatric Publishing.
Bargiela, S., Steward, R., & Mandy, W. (2016). The experiences of late-diagnosed women with autism spectrum conditions: An investigation of the female autism phenotype. Journal of Autism and Developmental Disorders, 46(10), 3281–3294.
Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte. (2026). ICD-11 in Deutsch – Testversion.
Cherewick, M., & Matergia, M. (2024). Neurodiversity in practice: A conceptual model of autistic strengths and potential mechanisms of change to support positive mental health and wellbeing in autistic children and adolescents. Advances in Neurodevelopmental Disorders, 8, 408–422.
Conde-Pumpido Zubizarreta, S., Isaksson, J., Faresjö, Å., Faresjö, T., Carracedo, Á., Fernández Prieto, M., Bölte, S., & Lundin Remnélius, K. (2025). The impact of camouflaging autistic traits on psychological and physiological stress: A co-twin control study. Molecular Autism, 16, Article 59.
Elsabbagh, M., Divan, G., Koh, Y.-J., Kim, Y. S., Kauchali, S., Marcín, C., Montiel-Nava, C., Patel, V., Paula, C. S., Wang, C., Yasamy, M. T., & Fombonne, E. (2012). Global prevalence of autism and other pervasive developmental disorders. Autism Research, 5(3), 160–179.
Fombonne, E. (2009). Epidemiology of pervasive developmental disorders. Pediatric Research, 65(6), 591–598.
Higgins, J. M., Arnold, S. R. C., Weise, J., Pellicano, E., & Trollor, J. N. (2021). Defining autistic burnout through experts by lived experience: Grounded Delphi method investigating #AutisticBurnout. Autism, 25(8), 2356–2369.
Hossain, M. M., Khan, N., Sultana, A., Ma, P., McKyer, E. L. J., Ahmed, H. U., & Purohit, N. (2020). Prevalence of comorbid psychiatric disorders among people with autism spectrum disorder: An umbrella review of systematic reviews and meta-analyses. Psychiatry Research, 287, Article 112922.
Hull, L., Petrides, K. V., Allison, C., Smith, P., Baron-Cohen, S., Lai, M.-C., & Mandy, W. (2017). “Putting on my best normal”: Social camouflaging in adults with autism spectrum conditions. Journal of Autism and Developmental Disorders, 47(8), 2519–2534.
Klein, J., Krahn, R., Howe, S., Lewis, J., McMorris, C., & Macoun, S. (2025). A systematic review of social camouflaging in autistic adults and youth: Implications and theory. Development and Psychopathology, 37(3), 1320–1334.
Nature Mental Health. (2026). The complex and emerging landscape of autism. Nature Mental Health, 4, 309–310.
Tebartz van Elst, L., Banaschewski, T., Berger, R., & Philipsen, A. (2025). Neuromentale Entwicklungsstörungen. In L. Hölzel & M. Berger (Hrsg.), ICD-11 – Psychische Störungen: Innovationen und ihre Bewertungen (S. 51–77). Springer.
Tebartz van Elst, L., Riedel, A., & Biscaldi-Schäfer, M. (2025). The reclassification of neurodevelopmental disorders in ICD-11. Der Nervenarzt. Advance online publication.
Thapar, A., Cooper, M., & Rutter, M. (2017). Neurodevelopmental disorders. The Lancet Psychiatry, 4(4), 339–346.
Wichers, R. H., van der Wouw, L. C., Brouwer, M. E., Lok, A., & Bockting, C. L. H. (2023). Psychotherapy for co-occurring symptoms of depression, anxiety and obsessive-compulsive disorder in children and adults with autism spectrum disorder: A systematic review and meta-analysis. Psychological Medicine, 53, 17–33.
Unser therapeutisches Verständnis
1. Autismus-Spektrum-Störung wird in unserem Zentrum für Diagnostik und Therapie von Autismus-Spektrum-Störungen als neuroentwicklungsbedingte Störung verstanden, die mit charakteristischen Besonderheiten in Wahrnehmung, Informationsverarbeitung, sozialer Interaktion, Kommunikation und Verhaltensregulation verbunden ist.
Nach heutigem fachlichen Verständnis handelt es sich bei der Autismus-Spektrum-Störung nicht um einen Defekt, der beseitigt werden soll, sondern um neurobiologisch begründete, lebenslang bestehende Beeinträchtigungen, die sich im Austausch mit der sozialen Umwelt und im Verlauf sich wandelnder lebensgeschichtlicher Entwicklungsaufgaben in sehr unterschiedlicher Weise auf Entwicklung, Alltag und Teilhabe auswirken können (Kamp-Becker & Bölte, 2024; WHO, 2025).
2. Gleichzeitig orientieren wir uns an einem grundlegend neurodiversitätssensiblen Verständnis, das neurobiologische Unterschiede als Teil menschlicher Vielfalt anerkennt und Unterstützung nicht auf Anpassung an eine Norm, sondern auf Teilhabe, Selbstbestimmung und individuelle Entwicklung ausrichtet.
In diesem Verständnis werden Beeinträchtigungen nicht ausschließlich als Eigenschaft der Person betrachtet, sondern auch als Ausdruck einer Diskrepanz zwischen individuellen neurobiologischen Voraussetzungen und den konkreten sozialen, institutionellen und lebenspraktischen Anforderungen der Umwelt.
Belastungen und Teilhabeeinschränkungen können insbesondere dann entstehen oder verstärkt werden, wenn gesellschaftliche Erwartungen, Kommunikationsformen, Leistungsanforderungen und soziale Normen nicht hinreichend an die individuellen Voraussetzungen angepasst sind. Teilhabe bedeutet vor diesem Hintergrund nicht primär die Angleichung der betroffenen Person an normorientierte Anforderungen, sondern ebenso die Gestaltung von Bedingungen, die den individuellen Voraussetzungen gerecht werden. Dies schließt die Anpassung von Anforderungen, Strukturen und Interaktionsformen ein und entspricht damit einem Verständnis, wie es im schulischen und gesellschaftlichen Kontext mit dem Begriff der Inklusion verbunden ist.
3. Unser Verständnis von Therapie bei Autismus-Spektrum-Störung ist damit personenzentriert, ressourcenorientiert und teilhabeorientiert. Therapie zielt aus unserer Sicht nicht auf eine Veränderung der Persönlichkeit und nicht auf eine Normangleichung autistischer Verhaltensweisen. Unterstützungsangebote werden vielmehr auf die Verbesserung von Teilhabe, sozialer Funktionsfähigkeit, Selbstbestimmung, alltagspraktischer Bewältigung und individueller Autonomie ausgerichtet. Im Mittelpunkt stehen die Stärkung vorhandener Fähigkeiten, die Verringerung von Belastungen, die Förderung von Selbstregulation sowie die Unterstützung einer möglichst selbstbestimmten Lebensführung (AWMF, 2021; Cherewick & Matergia, 2024; McVey et al., 2023).
Dimensionen therapeutischer Arbeit
Therapie verstehen wir im weitesten Sinne als die professionelle Anwendung unterschiedlicher Methoden, die auf Beeinträchtigungen in verschiedenen Funktionsbereichen ausgerichtet sind.
Hierzu gehören insbesondere der kognitive Bereich mit Wahrnehmung, Aufmerksamkeit, Denken und Verstehen, der emotionale Bereich mit Empfinden, Fühlen und Regulieren, der Identitätsbereich mit Selbstwert, Selbstwirksamkeit, Selbstwerterwartung und Autonomie sowie der Bereich sozialer Kompetenzen mit sozialem Handeln, der Bewältigung sozialer und leistungsbezogener Anforderungen sowie der Selbst- und Handlungssteuerung.
Diese mehrdimensionale Sichtweise entspricht dem heutigen fachlichen Verständnis, wonach therapeutische Unterstützung bei Autismus-Spektrum-Störung stets individuell, zielbezogen und alltagsrelevant auszugestalten ist (AWMF, 2021; NICE, 2021; Kamp-Becker & Bölte, 2024). Therapie ist dabei nicht als isoliertes Funktionstraining zu verstehen, sondern als fachlich begründete und lebensweltbezogene Unterstützungsleistung.
Ziele der Therapie
Da die Autismus-Spektrum-Störung nach heutigem wissenschaftlichem Verständnis lebenslang besteht, sich ihre Erscheinungsformen und funktionalen Auswirkungen jedoch individuell und im Entwicklungsverlauf unterschiedlich ausprägen können (Kamp-Becker & Bölte, 2024; WHO, 2025), richtet sich Therapie nicht auf Heilung im kurativen Sinn, sondern auf die Förderung passungsorientierter Funktionsfähigkeit in den Bereichen Teilhabe, Selbstregulation, Selbstbestimmung und alltagspraktische Bewältigung.
Ziel ist es daher, die individuellen Handlungsmöglichkeiten zu erweitern und die mit den Beeinträchtigungen verbundenen Auswirkungen auf soziale Interaktion, Alltags- und Leistungsbewältigung sowie psychische Verarbeitung durch die Entwicklung und Stärkung von Regulationsfähigkeit zu mindern.
Therapien und andere Hilfen sind somit nicht als isolierte Funktionstrainings zu verstehen, sondern als komplexe, lebensweltbezogene und an Teilhabe orientierte Maßnahmen (AWMF, 2021; Kamp-Becker & Bölte, 2024; WHO, 2025).
Therapeutische Arbeit zielt darauf ab, Selbstständigkeit, Selbstregulationsfähigkeit und Autonomie im Entwicklungsverlauf von Menschen mit Autismus-Spektrum-Störung, angepasst an die jeweiligen Entwicklungsaufgaben, schrittweise aufzubauen, zu fördern und zu stabilisieren.
Dazu gehören: die Förderung sozialer Wahrnehmung und sozialer Kompetenzen, die Stärkung der Kommunikationsfähigkeit, der Aufbau emotionaler und alltagspraktischer Kompetenzen sowie die Unterstützung bei der Bewältigung sozialer, schulischer oder beruflicher Anforderungen.
Gerade bei psychosozialen, aber auch psychotherapeutischen Angeboten kommt es darauf an, Belastungen zu reduzieren, Orientierung zu schaffen und konkrete Hilfen für einen besser bewältigbaren Alltag zu entwickeln (Preißmann, 2019; AWMF, 2021).
Zugleich ist es fachlich geboten, die Autonomie der betroffenen Person zu achten und therapeutische Ziele gemeinsam zu entwickeln, anstatt normierende Anpassungserwartungen in den Vordergrund zu stellen (McVey et al., 2023).
Individuell und lebensweltbezogen
Grundlage jeder therapeutischen und sozialpädagogischen Arbeit sind in unserem Verständnis eine sorgfältige Autismusdiagnostik beziehungsweise Förderdiagnostik, gemeinsam entwickelte Ziele, eine fortlaufende Überprüfung des Hilfeverlaufs und eine enge Orientierung an der individuellen Lebenssituation der betroffenen Person. Dies entspricht den fachlichen Empfehlungen der S3-Leitlinien zu Autismus-Spektrum-Störungen, wonach diagnostische Abklärung, Förderdiagnostik, individuelle Zielvereinbarung und die regelmäßige Überprüfung des Verlaufs eine zentrale Grundlage der Unterstützung bilden (AWMF, 2016, 2021).
Die S3-Leitlinie betont, dass therapeutische Interventionen nur nach entsprechender Diagnostik beziehungsweise Förderdiagnostik, auf der Grundlage klar definierter und realistisch erreichbarer Ziele, regelmäßig evaluiert und zeitlich angemessen durchgeführt werden sollen (AWMF, 2021). Auch internationale Empfehlungen unterstreichen die Bedeutung individualisierter und bedarfsbezogener Unterstützungsangebote (NICE, 2021; WHO, 2025).
Therapie ist damit für uns keine schematische Behandlung, sondern eine fachlich begründete, personenzentrierte und an Teilhabe ausgerichtete Unterstützungsleistung. Sie soll Menschen mit Autismus-Spektrum-Störung dabei helfen, ihren Alltag mit mehr Sicherheit, Selbstbestimmung und Lebensqualität zu gestalten.
Die therapeutische Arbeit orientiert sich dabei stets am individuellen Bedarf, an den jeweiligen Ressourcen sowie an den konkreten Anforderungen des sozialen und lebenspraktischen Umfelds. Eine stärkenorientierte Sichtweise ist dabei ebenso bedeutsam wie die Wahrnehmung bestehender Belastungen und Unterstützungsbedarfe (Cherewick & Matergia, 2024).
Einbezug von Angehörigen und Umfeld
Ein wesentlicher Bestandteil therapeutischer Arbeit ist die Einbeziehung von Eltern, Angehörigen und weiteren Bezugspersonen.
Familien erleben im Zusammenhang mit einer Autismus-Spektrum-Störung häufig erhebliche Anforderungen und Belastungen. Die Forschung zeigt, dass Eltern von Kindern mit Autismus-Spektrum-Störung im Vergleich zu Eltern typisch entwickelter Kinder und teilweise auch im Vergleich zu Eltern von Kindern mit anderen Entwicklungsstörungen ein erhöhtes Ausmaß an elterlicher Belastung und Parenting-Stress aufweisen (Hayes & Watson, 2013; Tröster & Lange, 2019).
Die Unterstützung und Entlastung von Eltern und Angehörigen sowie die Förderung eines besseren Verständnisses für die Besonderheiten der Autismus-Spektrum-Störung sind deshalb ein wichtiger Bestandteil fachlich fundierter Hilfen (Tröster & Lange, 2019).
Nach Bedarf beziehen wir daher Angehörige und relevante Bezugssysteme in die sozialpädagogisch-therapeutische Arbeit ein, um Entwicklungsprozesse zu stabilisieren, die Übertragung therapeutischer Inhalte in den Alltag zu unterstützen und die Teilhabe der betroffenen Person in Familie, Schule, Ausbildung, Beruf und sozialem Umfeld zu fördern (NICE, 2021; WHO, 2025).
Unser Anspruch
- Unser Anspruch ist es, Menschen mit Autismus-Spektrum-Störung nicht an fremde Erwartungen anzupassen, sondern sie in ihrer individuellen Entwicklung zu unterstützen und ihre Teilhabechancen nachhaltig zu verbessern (Cherewick & Matergia, 2024; McVey et al., 2023).
- Therapie soll nicht auf Normangleichung gerichtet sein, sondern auf die Stärkung von Selbstbestimmung, Handlungssicherheit, sozialer Funktionsfähigkeit und individueller Autonomie (McVey et al., 2023; Cherewick & Matergia, 2024).
- Therapeutische Arbeit bedeutet für uns daher, Menschen mit Autismus-Spektrum-Störung in ihrer Lebenswirklichkeit ernst zu nehmen, vorhandene Stärken zu fördern, Belastungen zu verringern und gemeinsam tragfähige Wege für mehr Selbstständigkeit, Stabilität und Teilhabe zu entwickeln.
- Sie erfolgt auf fachlich fundierter Grundlage, orientiert sich an wissenschaftlichen Empfehlungen und wird an den individuellen Zielen und Bedarfen der betroffenen Person ausgerichtet (AWMF 2021; Kamp-Becker & Bölte, 2024; NICE 2021).
Literaturverzeichnis
Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften. (2016). S3-Leitlinie Autismus-Spektrum-Störungen im Kindes-, Jugend- und Erwachsenenalter: Teil 1 – Diagnostik (Registernummer 028-018). AWMF.
Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften. (2021). S3-Leitlinie Autismus-Spektrum-Störungen im Kindes-, Jugend- und Erwachsenenalter: Teil 2 – Therapie (Registernummer 028-047). AWMF.
Cherewick, M., & Matergia, M. (2024). Neurodiversity in practice: A conceptual model of autistic strengths and potential mechanisms of change to support positive mental health and wellbeing in autistic children and adolescents. Advances in Neurodevelopmental Disorders, 8, 408–422.
Hayes, S. A., & Watson, S. L. (2013). The impact of parenting stress: A meta-analysis of studies comparing the experience of parenting stress in parents of children with and without autism spectrum disorder. Journal of Autism and Developmental Disorders, 43(3), 629–642.
Kamp-Becker, I., & Bölte, S. (2024). Autismus (4., aktualisierte Aufl.). Ernst Reinhardt.
McVey, A. J., Glaves, K. J., Seaver, S., & Casagrande, K. A. (2023). The ethical imperative to honor autistic clients’ autonomy in mental health treatment. Frontiers in Psychiatry, 14, Article 1259025.
National Institute for Health and Care Excellence. (2021). Autism spectrum disorder in adults: Diagnosis and management (CG142). NICE.
McVey, A. J., Glaves, K. J., Seaver, S., & Casagrande, K. A. (2023). The ethical imperative to honor autistic clients’ autonomy in mental health treatment. Frontiers in Psychiatry, 14, Article 1259025.
Preißmann, C. (2019). Psychotherapie bei Autismus-Spektrum-Störungen. Freie Psychotherapie, Heft 4/2019.
Tröster, H., & Lange, S. (2019). Eltern von Kindern mit Autismus-Spektrum-Störungen: Anforderungen, Belastungen und Ressourcen. Springer.
World Health Organization. (2025). Autism. WHO. https://www.who.int/news-room/fact-sheets/detail/autism-spectrum-disorders
Unser therapeutisches Angebot
Unsere therapeutischen Angebote orientieren sich an:
- dem individuellen Hilfebedarf,
- dem Entwicklungsstand,
- der aktuellen Lebenssituation,
- den Teilhabezielen,
- den Möglichkeiten des sozialen und familiären Umfeldes.
Art, Frequenz und Intensität der therapeutischen Unterstützung werden im Rahmen der individuellen Therapieplanung beziehungsweise Förderplanung abgestimmt.
Therapeutisches Verständnis und methodische Orientierung
Die therapeutische Umsetzung erfolgt individuell, zielorientiert und bezogen auf den jeweiligen Unterstützungsbedarf. Im Mittelpunkt stehen therapeutische Zugänge, die der Förderung sozialer, emotionaler und alltagsbezogener Kompetenzen sowie der Stabilisierung im Lebensalltag dienen. Zum Einsatz kommen insbesondere:
- entwicklungsspezifische Reflexionsgespräche
- Videoanalyse von Verhaltenssituationen
- Rollenspiele und soziale Interaktionsübungen (soziale Kompetenzen),
- Training der sozialen Kompetenz und Selbstsicherheit (u.a. bei Mobbing),
- Elemente aus der kognitiven Verhaltenstherapie (zum Beispiel Tics, Just-Right-Phänomene),
- Übungen zur Emotionsregulation,
- Entspannungs- und Achtsamkeitsübungen,
- neuromentale Trainings,
- alltagspraktische Anleitung und Erprobung im Lebensumfeld.
Methodische Umsetzung der therapeutischen Arbeit
Bei der therapeutischen Arbeit zur Entwicklung und Stärkung sozialer Kompetenzen orientieren wir uns an bewährten methodischen Elementen etablierter Ansätze. Für den Einsatz der nachfolgend benannten Methoden gilt dabei als Leitsatz ein neurodiversitätssensibles Verständnis, das nicht auf die Anpassung an normative Erwartungen abzielt, sondern auf die Förderung von Selbstwirksamkeit, individueller Passung, Lebensqualität und sozialer Teilhabe:
- dem TEACCH-Ansatz mit dem Schwerpunkt auf Strukturierung, Visualisierung, Vorhersehbarkeit sowie der Anpassung von Raum, Zeit, Material und Aufgaben an die individuelle Informationsverarbeitung von Menschen im Autismus-Spektrum (Mesibov, Shea, & Schopler, 2005; TEACCH Autism Program, o. J.),
- Konzepten sozialer Kompetenztrainings und Social Skill Groups mit dem Schwerpunkt auf sozialer Wahrnehmung, wechselseitiger Kommunikation, Perspektivübernahme, Regelverständnis und der Einübung konkreter sozialer Handlungsstrategien in alltagsnahen Zusammenhängen (White, Keonig, & Scahill, 2007; Bölte, Feineis-Matthews, & Poustka, 2006),
- Elementen aus SOKO-Autismus mit dem Schwerpunkt auf der Förderung sozialer Kompetenzen, dem Verständnis sozialer Situationen, der Reflexion eigener und fremder Perspektiven sowie dem Transfer in lebenspraktische Kontexte wie Familie, Schule, Ausbildung und Beruf (Häußler, 2008),
- der systemischen Einbeziehung des familiären Kontextes mit dem Schwerpunkt auf Interaktionsmustern, gegenseitigem Verstehen, Entlastung, Ressourcenaktivierung und der Förderung eines tragfähigen Umgangs mit autismusbedingten Besonderheiten im Alltag (Ailey et al., 2022).
Ergänzend beziehen wir, soweit therapeutisch angezeigt, psychoedukative Elemente, Hilfen zum Emotionsverständnis und zur Emotionsregulation, Strategien zur Verbesserung der Selbstwahrnehmung sowie Ansätze zur Förderung von Handlungsplanung, Alltagsstrukturierung und Generalisierung in verschiedene Lebensbereiche ein.
Diese ergänzenden Bausteine dienen dazu, soziale, emotionale und alltagspraktische Kompetenzen nicht nur situativ zu erarbeiten, sondern im Lebensalltag tragfähig zu verankern.
Einzelsetting
Im Einzelsetting steht insbesondere im Vordergrund:
- die individuelle Förderung sozial-emotionaler Kompetenzen,
- die therapeutische Bearbeitung persönlicher Themen und Verhaltensmuster,
- die Unterstützung bei Rückzugsverhalten, Überforderung und erhöhtem Strukturbedarf,
- die passgenaue therapeutische Bearbeitung autismusrelevanter Anliegen,
- das überwiegende soziale Kompetenztraining.
Das Einzelsetting eignet sich insbesondere für Kinder, Jugendliche und Erwachsene mit hohem individuellem Unterstützungsbedarf oder eingeschränkter Fähigkeit, von einem Gruppensetting zu profitieren.
Kleingruppensetting
Ergänzend kann die therapeutische Arbeit in einem Kleingruppensetting erfolgen. Die Gruppengröße ist auf maximal zwei bis drei Teilnehmende begrenzt.
Das Kleingruppensetting dient insbesondere:
- der Anbahnung und Einübung sozialer Interaktion,
- der Förderung kooperativen Handelns,
- der Bearbeitung thematischer Schwerpunkte wie Kommunikation, Konfliktlösung und Empathie,
- der praktischen Erprobung sozialer Kompetenzen in einem geschützten Rahmen.
Voraussetzung für die Teilnahme ist eine grundlegende Fähigkeit zur Gruppenintegration. Das Kleingruppensetting ist als ergänzendes therapeutisches Angebot, nicht als vorrangiges Setting vorgesehen.
Einbezug des Familiensystems/Elterngruppen
Das Familiensystem kann bedarfsabhängig in die therapeutische Arbeit einbezogen werden. Dies umfasst sowohl beratende Gespräche im Einzelfall bezogen auf konkrete Kinder, Jugendliche oder Erwachsene als auch begleitende Gespräche und systemisch ausgerichtete Interventionen im familiären Kontext.
Die Einbeziehung kann sowohl in der Einzelarbeit mit Bezugspersonen als auch in Elterngruppen erfolgen, die bei Bedarf auch videobasiert durchgeführt werden können.
Ziel ist die Stabilisierung des familiären Umfeldes, die Verbesserung der Verständigung sowie die Förderung eines unterstützenden und angemessenen Umgangs mit den autistischen Besonderheiten von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen.
Unterstützungs- und Beratungsangebote
Ergänzend zur unmittelbaren therapeutischen Arbeit mit Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen können unterstützende und beratende Gespräche mit Bezugspersonen sowie gegebenenfalls mit Lehrkräften durchgeführt werden.
Diese dienen insbesondere der Sicherung therapeutischer Entwicklungsprozesse und der Übertragung erarbeiteter Inhalte in Alltag, Schule, Ausbildung und soziales Umfeld.
Die Unterstützungs- und Beratungsangebote umfassen insbesondere:
- begleitende Gespräche mit Bezugspersonen zur Reflexion von Entwicklung, Belastungen und Unterstützungsbedarfen,
- Gespräche mit Lehrkräften, pädagogischen Fachkräften und weiteren Bezugspersonen zur Abstimmung von Umgangsweisen und unterstützenden Ansätzen,
- Unterstützung bei Problemen und Belastungen von Eltern und Angehörigen im Zusammenhang mit der autismusbedingten Lebenssituation,
- Beratung und unterstützende Begleitung in Fragen von Schule, Ausbildung und Beruf,
Hilfestellung bei Übergängen, insbesondere im Hinblick auf Verselbstständigung und das schrittweise Verlassen des Elternhauses,
- Beratung bei der Orientierung zu geeigneten Hilfen und Unterstützungsangeboten,
praktische Unterstützung im Umgang mit Anforderungen des Hilfesystems und im Kontakt mit Institutionen,
- Herstellen von Kontakten zu Selbsthilfegruppen,
- Vermittlung von Kontakten zu anderen Autismus-Zentren und weiterführenden Unterstützungsangeboten.
Diese unterstützenden und beratenden Angebote dienen der Stabilisierung des sozialen Umfeldes, der Förderung tragfähiger Alltagsstrukturen sowie der besseren Umsetzung therapeutischer Ziele im Lebensalltag.
Nicht Bestandteil des therapeutischen Angebots sind die rechtliche Beratung, die förmliche Beratung bei behördlichen Antragstellungen sowie die Vertretung oder Unterstützung in Widerspruchsverfahren gegenüber Leistungsträgern.
Ebenfalls nicht umfasst ist eine rechtsberatende Tätigkeit im sozialrechtlichen Sinne. Soweit erforderlich, erfolgt im Einzelfall ein Hinweis auf geeignete Fachstellen, Beratungsdienste oder sonstige zuständige Stellen.
Literaturverzeichnis
Ailey, S. H., Marks, R., Crisp, K., Campion, M. J., & Brown, I. (2022). Family-systems interventions for families of people with an intellectual disability or who are autistic: A systematic review. Journal of Intellectual Disability Research.
Bölte, S., Feineis-Matthews, S., & Poustka, F. (2006). Frankfurter Gruppentraining sozialer Fertigkeiten für Kinder und Jugendliche mit hochfunktionalem Autismus und Asperger-Syndrom. Zeitschrift für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie, 35(1), 33–43.
Häußler, A. (2008). SOKO Autismus: Förderung der sozialen Kompetenzen von Menschen mit Autismus. Dortmund: verlag modernes lernen.
Mesibov, G. B., Shea, V., & Schopler, E. (2005). The TEACCH approach to autism spectrum disorders. New York, NY: Springer.
Die inhaltliche Schwerpunktsetzung des Ansatzes auf Strukturierung, Visualisierung und Vorhersehbarkeit wird auch durch Materialien des TEACCH Autism Program beschrieben.
White, S. W., Keonig, K., & Scahill, L. (2007). Social skills development in children with autism spectrum disorders: A review of the intervention research. Journal of Autism and Developmental Disorders, 37, 1858–1868.
Methodische Konzepte der therapeutischen Arbeit
1. Interaktion/Alltagskompetenzen in Verbindung mit Eltern- und Angehörigenarbeit
Zentrum zur Diagnostik und Therapie von Autismus-Spektrum-Störungen
Praxis Prof. Dr. habil. Hofmann
2. Individuelle Zustände seelischer Verarbeitung/Selbstregulationsfähigkeit
Praxis Prof. Dr. habil. Hofmann
Ergotherapie Move gGmbH
3. Reiz-Aufmerksamkeitsmanagement/Exekutive Funktionen
Ergotherapie Move gGmbH
Angebote Freizeit und Tagesstrukturierende Unterstützung
Angebote Freizeit
Erlebnispädagogische Exkursionen, insbesondere in den Schulferien
Individuelle Angebote tagesstrukturierender Unterstützung
aktivierende Maßnahmen
Bewältigung täglicher Anforderungen in Bezug auf Hygiene, Nahrung und gegen soziale Isolation, Benutzen von öffentlichen Verkehrsmitteln, Telefonieren
tägliche Gewohnheiten des Einkaufens, der Nahrungszubereitung
Tiergestützte Therapie