Autismus-Spektrum-Störung und Geschlecht

  1. Autismus-Spektrum-Störung beim weiblichen und männlichen Geschlecht

a) Die traditionelle Autismusforschung, beginnend mit Leon Kanner und Hans Asperger in den 1940er-Jahren, bezog sich auf Kinder männlichen Geschlechts.

In den Folgejahren, vor allem in den 2000er-Jahren, folgte im Wandel der Autismusforschung die Öffnung dieser Thematik in das Erwachsenenalter hinein, hier aber eher auch auf das männliche Geschlecht bezogen.  

Die Geschlechterverteilung von Autismus wurde in einem Verhältnis (männlich : weiblich) von 8:1, 5:1, später 4:1 angenommen, dies war hochwahrscheinlich mit dem vordergründigen Blick auf das männliche Geschlecht, auf das auch die Kernsymptomatik abgestimmt war.

In der Geschlechterverteilung geht man nach neueren Ergebnissen von einem Verhältnis von 3 bis 4 : 1 zugunsten des männlichen Geschlechts, unabhängig von der kognitiven Leistungsfähigkeit, aus.

Zeidan, J., Fombonne, E., Scorah, J., Ibrahim, A., Durkin, M.S., Saxena, S. et al. (2022). Global prevalence of autism: A systematic review update. Autism Research, 15, 778–790

b) Derzeit gibt es keine gesicherten Erkenntnisse darüber, wie sich die Kernsymptome der Autismus-Spektrum-Störung bei Mädchen und weniger noch bei Frauen darstellen. Die kritische Frage ist, ob diese überhaupt in diesem (Aus-) Maß und in dieser Qualität wie beim männlichen Geschlecht zutreffen.  

Den „üblichen“ Kriterien folgend, fallen Mädchen und vor allem Frauen „durchs Rost“, was auch daran liegen mag, dass ausschließende Vorurteile bestehen und man besonders bei Verhaltensauffälligkeiten von Mädchen in der frühen Entwicklung und später erwachsenen Frauen „nicht genau hinschaut“:

Nicht unüblich ist die Reaktion auch von Fachleuten: Das ist ein Mädchen? – das ist kein Autismus.     

Was sich in der Praxis im Vergleich zu Jungen und Männern mit Autismus-Spektrum-Störung zeigt, sind folgende (bisher nicht systematisch erfasste und untersuchte) Besonderheiten:

Mädchen und Frauen mit Autismus-Spektrum-Störung:

(im Gegensatz zu Jungen und Männern mit Autismus-Spektrum-Störung)

  • zeigen ein anderes Anpassungsverhalten, was hochwahrscheinlich auf ein „besseres“ Imitationsvermögen hinweisen könnte und mit einer „besseren“ sozialen Kompetenz „korrelieren“ könnte (zu vermuten ist, dass der soziale Erwartungsdruck auf das Verhalten bei Mädchen stärker ist als bei Jungen);
  • zeigen ein „besseres“ Vermögen, Gefühle auszudrücken, die mimischen Reaktionen sind qualitativ „besser“ (ausdruckvoller);
  • haben oft ein stärkeres Interesse an Naturwissenschaften, Technologien und Computern als gleichaltrige Mädchen oder Frauen, zudem sind sie in diese Richtungen monothematisch ausgerichtet;
  • regulieren häufiger eher internalisierend, das heißt ruhiger, zurückgezogener, ängstlicher, schüchterner; nicht ausschließbar durch stereotype soziale Rollenerwartung gedrängt: „unauffälliger“.

Preißmann, Christine (Hrsg.), 2020: Überraschend anders – Mädchen & Frauen mit Asperger. Stuttgart: TRIAS Verlag.  

Rudy, Simone (2012): Aspergirls: Die Welt der Frauen und Mädchen mit Asperger. Weinheim, Basel: Beltz Verlag.

Im Jugend- und Erwachsenenalter

  • gehen Autistinnen eher Partnerschaften ein als autistische Männer,
  • regulieren weibliche Autistinnen eher mit Selbstverletzung, Essstörungen, Depressionen und Somatisierung als Männer mit Autismus-Spektrum-Störung.

  1. Autismus-Spektrum-Störung und Transsexualismus (ICD-11: Gender Incongruence)

Nach Metastudien sind ca. 0.3 – 0.7% der Bevölkerung tatsächlich transsexuell, erleben insofern:

  • eine tiefgreifende und dauerhafte gegengeschlechtliche Identifikation (Inkongruenz zwischen Gender und den primären bzw. sekundären Geschlechtsmerkmalen),
  • ein anhaltendes Unbehagen in der gegenwärtig biologischen Geschlechtsrolle mit klinisch relevantem Leidensdruck (Geschlechtsdysphorie) und/oder Beeinträchtigungen in sozialen, beruflichen oder anderen wichtigen Funktionen. 

AWMF online. Geschlechtsinkongruenz, Geschlechtsdysphorie und Trans-Gesundheit: S3-Leitlinie zur Diagnostik, Beratung und Behandlung Stand: 22.02.2019 / Version: 1.1 / Überarbeitung geplant: 2023

Zu dieser Thematik ist für Menschen mit Autismus-Spektrum-Störung derzeit noch relativ wenig bekannt (geworden), bzw. wurde sie bisher kaum thematisiert.

Aktuelle Studien zeigen auf, dass von einem erhöhten gemeinsamen Auftreten von Transsexualismus und Autismus-Spektrum-Störung (bis zu 5%) ausgegangen werden könnte.

Herrmann, L. et al. (2021). Autismus-Spektrum-Störung in einer Spezialsprechstunde für Geschlechtsdysphorie: Wie häufig kommt eine Doppeldiagnose vor und was bedeutet die gemeinsame Prävalenz für die Behandlung? Zeitschrift. für Kinder und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie, Jg. 49, 4, 259-271.

In einer Meta-Analyse (22 Publikationen) zwischen 1946 und 2018 haben 4.7%-13.3% der Jugendlichen mit Geschlechtsdysphorie auch eine Autismus-Spektrum-Störung und 4%-6.5% der Jugendlichen mit einer Autismus-Spektrum-Störung auch eine Geschlechtsdysphorie.

Herrmann, L., Bindt, C., Schweizer, K. et al. (2020) Autismus-Spektrum-Störungen und Geschlechtsdysphorie bei Kindern und Jugendlichen: Systematisches Review zur gemeinsamen Prävalenz. Psychiatr Prax 47(06): 300–307.

Erwachsene Transsexuelle zeigten im Rahmen einer Fragebogendiagnostik zu 5,5 % autistische Züge oder die Symptome einer Autismus-Spektrum-Störung.

Pasterski V, Gilligan L, Curtis R (2014) Traits of Autism Spectrum Disorders in Adults with Gender Dysphoria. Archives of Sexual Behavior 43: 387–393.

Bezüglich der Entwicklung des subjektiven Erlebens dieser Inkongruenz ist derzeit kein relevanter Unterschied zwischen Menschen mit und ohne Autismus-Spektrum-Störung zu erkennen: 

  • die Häufigkeit der „Frau zu Mann“- und „Mann zu Frau“-Identität ist ähnlich den neurotypischen Transsexuellen,
  • Phänomene der begleitenden Geschlechtsdysphorie sind in der Häufigkeit ähnlich,

Herrmann, L. et al. (2021). Autismus-Spektrum-Störung in einer Spezialsprechstunde für Geschlechtsdysphorie: Wie häufig kommt eine Doppeldiagnose vor und was bedeutet die gemeinsame Prävalenz für die Behandlung? Zeitschrift. für Kinder und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie, Jg. 49, 4, 259-271.

jedoch

  • die „innere Auseinandersetzung“ scheint bei Menschen mit Autismus-Spektrum-Störung „sachlich-analytischer“ (konkretes Denken) zu erfolgen und einer eigenen (nicht ausschließbar binären) Logik zu folgen, die sich weniger an geschlechtsidentifikatorisch-prozessualen Inneneinflüssen (in der Regel mit ca. 6 Jahren beginnend) und Außeneinflüssen (Wie will ich wahrgenommen werden?, oder gar Was tun andere?) orientiert, sondern mehr an einer allgemeinen Identitätsdiskrepanz, warum bin ich anders als die anderen, was  Leidensdruck dadurch produzieren kann, dass in der Zuschreibung abnormer Geschlechtsmerkmale/-ausstattung Denkfixierungen die Ursache sein können und in Folge, wie man logisch das Ziel erreicht, um diese Diskrepanz: „sich anders zu fühlen“ auflösen könnte.

Zu beachten ist dabei:

„Beim Autismus ist die Entwicklung des qualitativen Selbstbewusstseins bedroht, weil Rollenverhalten, Beziehungen, Bindungen oder auch eigene Bedürfnisse oder Eigenschaften nicht realisiert und wahrgenommen werden im Rahmen der pragmatischen Defizite bei sozialen Interaktionen. Vor diesem Hintergrund erscheint die klinische Beobachtung eines gehäuften Zusammentreffens von Autismus und z. B. Transsexualismus plausibel.“

Ebert, D. (2023). Autismus-Spektrum-Störung und geschlechtliche Abweichung/Geschlechtsdysphorie. In: Terbartz van Elst et al. (Hrsg.) Entwicklungsstörungen: Interdisziplinäre Perspektiven aus der Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik des Kindes-, Jugend- und Erwachsenenalters (German Edition). Kohlhammer Verlag. Kindle-Version. S 621.

Abgesehen davon, dass die Selbstbestimmung eines jeden Menschen zu beachten ist, kann aus praktischen Erfahrungen diesem Autor (S. 621) in der Argumentation gefolgt werden, dass wenn kein primärer Transsexualismus vorliegt, aufgrund aber autismusspezifischer Detailfixierungen Geschlechtsmerkmale als abnorm oder erstrebenswert erlebt werden; oder das allgemeine autismustypische Erleben „anders“ zu sein, sich auf die Geschlechtlichkeit fixiert, also o.g. binär-logischen Verknüpfungen folgt, eher keine Indikation für eine hormonelle oder chirurgische Anpassungsmaßnahme vorliegt.

Die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass mit „Änderungsmaßnahmen“ die angestrebte Rollenerwartung nicht geschlechtsidentifikatorisch also intuitiv ausgefüllt wird, insofern eine „geschlechtsspezifische Pragmatik“ (S. 623) nicht realisiert werden könnte, weil das Gefühl, „anders zu sein“ die Autismus-Spektrum-Störung in ihrer Komplexität betrifft und nicht primär die Geschlechtsidentität.