Was sind die Ursachen für das Autistische-Spektrum?

 

Stereotyp der psychosozialen Verursachung

Noch in den 60er Jahren des vorigen Jahrhunderts nahm man an, dass „Autismus“ auf einer „falschen Erziehung“ basiere, insofern mangelnde psychosoziale und emotionale Prozesse in der Sozialisation eine Rolle spielen sollten. Der Begriff der sogenannten „Kühlschrankmütter“ wurde in diesem Zusammenhang geprägt und das Fehlen einer angemessenen emotionalen Erziehung angenommen.

Die Vorstellung mangelnder oder unangemessener Erziehung besteht als „Eltern-Stereotyp“ erstaunlicherweise auch im 21. Jahrhundert noch.

Vielen Eltern werden von Umfeld (auch innerhalb von Familien, jedoch meist von Erzieher*innen in der Kita, später von Lehrer*innen) Erziehungsmängel, besonders mangelnde Konsequenz und Liebe u.ä. unterstellt. Je mehr das Verhalten des Kindes oder Jugendlichen von o.g. erwarteten Stereotyp zum „Autismus“ abweicht, je „schwächer“ also das „Autistische“ beobachtbar ist, umso mehr wird insbesondere von pädagogischen Fachkräften der „Eltern-Stereotyp“ bemüht und erstaunlicherweise ebenso alltagspsychologisch-naiv werden auch fachliche Expertisen (zum Beispiel klinische Diagnosen) vor allem in schulischen Kontexten von Lehrer*innen und Sozialarbeiter*innen u.ä. Fachkräften in Frage gestellt, oder noch häufiger... einfach negiert.

Je „schwächer“ also das beobachtbar „Autistische“ ist, je stärker in Folge das Bild von „versagenden Eltern“ und von „Undiszipliniertheit“ auf Seiten des Kindes oder Jugendlichen unterstellt wird, umso mehr Beziehungskonflikte entstehen in sekundären Sozialisationskontexten um das betroffene Kind oder den Jugendlichen herum. Ein Kampf um Deutungshoheiten, soziale Eingliederungsunterstützung (zum Beispiel Schulbegleitung), eingebettet in eine allgemeine Hilflosigkeit von Lern- und Erziehungssystemen.

 

Autistisches-Spektrum und die Theorie der „Neuronalen Konnektivität“

Theorien, welche versuchen, die basalen (inneren) Wirkungsmechanismen für das Autistische-Spektrum zu erklären und zu beschreiben, sind vielfältig und verlassen eindeutig den Bereich der Erziehungsverursachung, also der primär psychosozialen Einflüsse.

In den letzten Jahren hat sich, besonders basierend auf moderner bildgebender Diagnostik des Gehirns und die Entwicklung spezifischer Testverfahren, ein neurobiologisches Erklärungsmodell erhärtet, welches die Art und Weise, die Qualität der Organisation der neuronalen Vernetzung als Ursache für das Autistische-Spektrum zugrunde legt.

Neurobiologisch wird das Autistische-Spektrum insbesondere mit einer „anderen“ neuronalen Qualität der Informationsverarbeitung erklärt, die man bei Menschen ohne Autistisches-Spektrum nicht findet.

Insbesondere wurden Varianten spezifischer Verbindungsdichten in der Konnektivität neuronaler Strukturen festgestellt, die man als übergeordnete Netzwerke versteht, sowie unterschiedliche Muster von neuronaler Erregung und Hemmung dieser übergeordneten Netzwerke. Zudem stellte man auch Varianten spezifischer Verbindungsdichten in der Konnektivität unterschiedlicher lokaler neuronaler Netzwerke (sogenannter Domänen) fest, welche umschriebene Funktionen steuern: kognitives Funktionssystem, affektives Funktionssystem, soziales Funktionssystem.

  

Neuropsychologische Theorien, welche versuchen, die neurobiologischen Erkenntnisse mit empirischen Untersuchungen zu erklären, befassen sich bisher vorwiegend mit den übergeordneten neuronalen Netzwerken, die quasi als „Steuerzentralen“ komplexer seelischer Funktionen verstanden werden. Dazu sind derzeit drei Modelle (Theorien, theoretische Vorstellungen) bekannt, mit denen die Ursachen der autistischen Phänomene auf der beobachtbaren Ebene interpretiert werden können. Hierzu die kurzen Ausführungen:  

  • Theorie der „schwachen zentralen Kohärenz“: Einem Mangel, die Umwelt und sich selbst ganzheitlich und kontextbezogen wahrzunehmen. Das Erleben und Denken im Autistischen-Spektrum ist eher detailbezogen (Teilobjektwahrnehmung), erfasst nicht die Komplexität aller relevanten Reize. Insofern werden Kontexte nicht adäquat erfasst (Kontextblindheit). Menschen im Autistischen-Spektrum leben in ihren eigenen, hoch subjektiven Kontexten der Wahrnehmung und des Denkens, oftmals „verfangen“ in subjektiv bedeutsamen Ritualen und Ordnungsprinzipien, auf deren Veränderung häufig mit Rückzug oder Aggression reagiert wird.
  • Theorie der „Mentalisierung“, in deren Kern Beeinträchtigungen in der gegenseitigen sozialen Bezugnahme, Perspektivübernahmefähigkeit und Empathie stehen (Theory of Mind - ToM oder Mindreading), jedoch insbesondere komplexere Wahrnehmungs- und Reflexionsfähigkeiten der Interaktion und Kommunikation gemeint sind. Es handelt sich um komplexe Beeinträchtigungen, dem eigenen mentalen Zustand und dem mentalen Zustand eines anderen Menschen eine angemessene Bedeutung zuzuschreiben und darüber nachzudenken. Unter „mentalen Zuständen“ werden verstanden: Gefühle, Beweggründe, Denkweisen, Überzeugungen, Motive des Handelns etc.

 

Dieser Theoriekomplex erklärt u.a. die Beeinträchtigungen von Menschen im Autistischen-Spektrum in sozialen Situationen vor allem emotional angemessen zu reagieren. Es muss nicht zwangsläufig ein Mangel an Emotionalität sein, der dies verursacht, sondern ein Mangel an angemessener emotionaler Zustandswahrnehmung und Reaktion, der Menschen im Autistisches-Spektrum manchmal scheinbar „emotionslos“ erscheinen lässt. Das emotionale oder „sittliche“ Gespür ist beeinträchtigt, einher geht damit häufig auch ein Mangel an Reue und Schuldgefühl. Moralische und kulturelle Normen (was sich gehört) werden zwar gewusst, irgendwie aber immer nicht befolgt. Es gibt hier auch keinen oder nur einen geringen, meist nur rational vermittelbaren, Lern- und Erkenntnisgewinn, jedoch ohne emotionalen Eigenbezug. Sie tappen immer wieder, mehr oder weniger stark, in „Fettnäpfe“ der sozialen Regelwerke, erscheinen deshalb „disziplinlos“.    

Diese beiden Modelle führen auch zur Erklärung eines der wenigen sozial akzeptierten „Produkte“ im Autistischen-Spektrum: das Savant-Phänomen (franz. savant: der Gelehrter), eine außergewöhnliche, meist eng umschriebene Form der sogenannten „Inselbegabung“. Oft obsessiv bearbeitete Sonderinteressen, die manchmal dem „Alter voraus sind“, werden (in einer Art Vorläufer) bereits in der frühen Kindheit bekannt.

Vereinfacht heißt das, je detailbezogener wahrgenommen, je sachlicher (von Emotionen befreit) erlebt wird, umso extravaganter und genialer sind die Wahrnehmungs- und Denkergebnisse.

  • Eine dritte Theorie, die der „Exekutiven Funktionen“ befasst sich mit der Steuerung von Funktionen der Selbst- und Handlungsorganisation, der Impulskontrolle, der Steuerung komplexer Aufmerksamkeitsleistungen. Bei ca. 70 % der Menschen im Autistischen-Spektrum liegt parallel (komorbid) auch eine ADHS/ADS vor. Eine Aufmerksamkeitsstörung (insbesondere die ADHS) wird nach „neuer Sichtweise“ nicht mehr zwangsläufig als Verhaltensstörung verstanden, sondern als komplexere (neuronal übergeordnete) Störung der sogenannten Exekutiven Funktionen, also als kognitive Störung. Insofern ist besonders die Aufmerksamkeits-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) nur die „Spitze des Eisberges“ einer komplexeren neuronalen Störungslage, die nicht nur vielschichtig verursachtes Lernversagen (Unaufmerksamkeit), unorganisiertes Verhalten (Hyperaktivität), sondern auch Impulsivität erklärt.     

 

Das Autistische-Spektrum basiert nach aktuellen neurowissenschaftlichen Konzepten auf neuronalen Vernetzungsbesonderheiten, welche die Art und Weise der Informationsverarbeitung beeinflussen und als „neuroatypisch“ bezeichnet werden.

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