Was ist eine Autismus-Spektrum-Störung?

1.

Unter „neuroatypisch“ wird das strukturelle und funktionale Abweichen von neuronalen Vernetzungswerken bezeichnet, die man bei Menschen ohne Autistisches-Spektrum (als „neurotypisch“ bezeichnet) bisher nicht finden konnte.

Insofern beschreibt das Autistische-Spektrum in erster Linie eine neuronale Qualität und Quantität.

Die Bezeichnung „Autistisches-Spektrum“ ist ethisch korrekter, da damit nicht zwangsläufig eine Störung oder Krankheit verstanden wird..., bestenfalls ein neuronal bedingtes und sehr individuelles „Anderssein“.

Störungen an sich ergeben sich erst im Austausch von Menschen im Autistischen-Spektrum mit den unterschiedlichen normativ-sozialen Anforderungslagen des Alltages u.a., auch bezogen auf die Entwicklungserwartungen vor allem in der frühen Kindheit.

Der frühkindliche Autismus (nach Kanner) wird vor dem Hintergrund der Entwicklungserwartung bereits vor dem 3. Lj. durch Entwicklungsverzögerungen in der Funktionsentwicklung, insbesondere der Sprachentwicklung „auffällig“.

Das Asperger-Syndrom und weitere Varianten des Autistischen-Spektrums, meist ohne frühe Entwicklungsverzögerungen in den unterschiedlichen Funktionen, „fallen“ in der Regel erst ab dem 3. Lj. auf, meist in Verbindung mit der sozialen Anforderungslage der Betreuung außerhalb der Familie (Kita als sekundäre Sozialisationsinstanz).

Es gibt aber nicht wenige „Fälle“, meist Menschen im Autistischen-Spektrum mit guter Intelligenz und/oder einem verständnisvollen, akzeptierenden und kooperativen Umfeld in Kita und Schule, bei denen eine Autismus-Spektrum-Störung erst im Jugend- oder im Erwachsenenalter, meist unter konkreten beruflichen Bedingungen oder in Paarbeziehungen festgestellt wird.

 

Der Gradmesser der Störung aufgrund eines Autismus-Spektrums ist:

  • das Ausmaß an Störungen, welche durch die Phänomenologie des Autistischen-Spektrums eines Menschen in der Interaktion mit der Umwelt (den konkreten Anforderungen oder Entwicklungsaufgaben) entsteht,
  • das Ausmaß an Störungen, welche insbesondere durch die Reaktion der Umwelt (Personen, Aufgaben) auf den Menschen im Autistischen-Spektrum hervorgerufen werden.  

 

Der Begriff der Anpassungsstörungen definiert die Beeinträchtigungen dieses bilateralen Austausches im Alltag, was schlussendlich zum Begriff der

Autismus-Spektrum-Störung

führt.

Die Störung ist also nicht per se das Autistische-Spektrum, sondern auch die durch das normative Umfeld (die Gesellschaft) definierten Anpassungsabweichungen.  

 

2.

Aus der medizinischen Perspektive ist die Lesart eine andere. Medizinisch gilt „Autismus“ selbst als Störung (Krankheit). In der Internationalen Klassifikation von Krankheiten (ICD) der Weltgesundheitsorganisation (WHO) wird „Autismus“ unter den tiefgreifenden Entwicklungsstörungen geführt.

  • Tiefgreifend meint in der Regel ein seit der frühen Kindheit bestehendes, durchgängiges Muster von Störungen der Interaktion, der Kommunikation und der sogenannten repetitiven Verhaltensstereotypien.
  • Tiefgreifend meint aber auch eine Schwere der Störung, die sich auf die Anpassungsleistung in der Entwicklung erheblich auswirkt.

Das medizinische Krankheitsmodell setzt eine gestörte (kranke) Morphologie und Physiologie von Organsystemen voraus, welche aufgrund einer Symptom- bzw. Syndromerhebung (Phänomenebene) festgestellt werden. Die o.g. neuronalen Konnektivitätsbesonderheiten werden insofern als Ursache für das Autistische-Spektrum und als morphologische und physiologische Störung oder Krankheit verstanden.

Die seit ca. 30 Jahren geltende Internationale Klassifikation von Krankheiten in der 10. Version (ICD-10) der WHO (Stand Mai 2019) orientiert „Autismus“ als tief greifende Entwicklungsstörung nicht am Verständnis des Autistischen-Spektrums, sondern am kategorialen und statischen Modell (Kanner/Asperger/atypischer Autismus) aus dem vorigen Jahrhundert.

Dies führt in der Praxis immer wieder zu erheblichen Missverständnissen. Klassifikatorisch werden diese Missverständnisse erst mit der ICD-11 aufgelöst werden, die aber erst 2022 in Kraft treten soll, erst dort wird dann die Autismus-Spektrum-Störung aufgeführt werden.

Medizinisch-psychiatrische Diagnosen werden in sozialen Versorgungssystemen notwendigerweise gefordert (GdB, Pflegegrad, berufliche Reha u.ä.), insofern sind klinische Diagnosen, also die medizinische Perspektive, in differenzierter Betrachtung notwendig.   

Im psychiatrischen Kontext wird oft die Bezeichnung „autistisches Syndrom“ verwendet, das lediglich ein Sammelsurium „Autismus-typischer“ beobachtbarer, spezifischer Besonderheiten, also den Phänomenbereich darstellt.

Menschen mit Autismus-Spektrum-Störung fallen demnach durch ihre Besonderheiten in der sozialen Interaktion, Kommunikation und durch sogenannte repetitive, stereotype Verhaltensweisen auf:

Interaktion:

Schwierigkeiten, das Verhalten und die Gefühle von Menschen an der Mimik, Körpersprache und Prosodik (Stimmgesang, Intonation) adäquat zu identifizieren

Kommunikation:

Schwierigkeiten wechselseitige Kommunikation (im direkten Kontakt, beim Telefonieren) zu gestalten und aufrechtzuerhalten; es wird häufig nicht verstanden, was im sprachlichen Austausch (Metaphorik), gemeint ist; es zeigt sich häufig ein Verhalten und eine Sprache, welche als „idiosynkratisch“ (griech.: idios: „eigen“, „selbst“; syn-krasis: „Mischung“, „Zusammenmengung“) bezeichnet werden: also eigensinnig, ungewöhnlich anmutende Verhaltensweisen („Anderssein“); manchmal Manierismus: ungewöhnliche Bewegungsmuster; ungewöhnliches Sprechverhalten (ungewöhnliche Wortwahl – bei Kindern oft erwachsenengemäß „Klugscheißer“, manchmal automatenhaft anmutende Prosodik), auch oft ein anderes Sprachverständnis.

Repetitive, stereotype Verhaltensweisen:

Sich wiederholende, sehr eingegrenzte (monotone) Verhaltensweisen mit starker Variation für die einzelnen Menschen im Autistischen-Spektrum (mal mehr, mal weniger) und Wechseln der Handlungsinhalte: Rituale im Alltag, rigide Handlungen bei Tagesroutinen; Anfälligkeit bei ungeplanten Ereignissen (deshalb häufig obsessive Planung); wenn auch wechselnde, jedoch häufig exzessive (Sonder-) Interessen (hier oft im Zusammenhang mit o.g. Savant-Phänomen).

Aus der praktischen Perspektive betrachtet, fehlt bei diesen klassischen „drei Säulen“ der Autismus-Bestimmung eine wesentliche vierte Säule: die der Beeinträchtigungen im Bereich der Leistungsanforderungen (Exekutive Funktionen), des Lernverhaltens, des Erreichens von Lernzielen in der Schule und der Bewältigung beruflicher Anforderungen.

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