Was ist ein Autismus-Spektrum?

 

Sprachgebräuchlich wird der Begriff „Autismus“ verwendet. „Autismus“ ist ein Sammelbegriff, der auf zweifelsfrei klugen Erkenntnissen und Theorien aus den 40er- bis 60er Jahren des vorigen Jahrhunderts basiert und in der Vorstellung zum „Autismus“ meist mit den Klassikern, dem Kanner-Autismus (frühkindlicher Autismus) und dem Asperger-Autismus (Asperger-Syndrom) assoziiert wird. Eine andere „Autismusform“, der sogenannte atypische Autismus in unterschiedlichen Variationen, ist demgegenüber weniger bekannt.

Die wissenschaftlichen Kenntnisse in der Forschung zum „Autismus“ und nicht zuletzt die Selbsthilfebewegung der Menschen im Autistischen-Spektrum haben dieses Konstrukt des „Autismus“ aber in den letzten Jahren wesentlich verändert und weiterentwickelt.

Eine grundsätzlich veränderte Denkweise des Autismus-Spektrums, geht von einem hypothetischen Kontinuum aus, bei dem die beiden „Klassiker“ zwar im Kern stehen können, „Autismus“ sich jedoch über ein Spektrum und fließenden Übergängen von differenzierten Intensitäten und Qualitäten in sehr individuellen Mustern von autistischen Verhaltensweisen erstrecken kann. Die Erscheinungsbilder im Paradigma des Autistischen-Spektrums weichen somit von den „Klassikern“ ab und zeigen auf der Verhaltensebene auch Übergänge zu anderen individuellen seelischen Problemlagen im Austausch mit der Umwelt. Eine Abgrenzung zu diesen anderen seelischen Problemlagen ist oft schwierig und häufig nur durch einen Prozess langwieriger Beobachtung erkennbar.  

 

Autismus

 

Es gibt demzufolge nicht nur „den Autisten“ à la Kanner oder Asperger schlechthin.

Eine damit verbundene Problemlage, die insbesondere in der Praxis häufig zu Missverständnissen führt, ist die Reduktion der Vorstellung von „Autismus“ auf die Ebene der beobachtbaren Verhaltensweisen und damit verbundener Stereotypen, also alltagspsychologisch-naiver, jedoch fest verankerte Erwartungen, wie sich ein Mensch verhalten muss, um als „Autist“ identifiziert zu werden, drei Beispiele:

  • Ein „Autist“ ist ein Einzelgänger, bestenfalls ein merkwürdiger Sonderling, der nur mit sich beschäftigt ist.
  • Ein „Autist“ hat kein Interesse an sozialer Interaktion, kein Interesse an Freundschaften.
  • Ein „Autist“ nimmt keinen Blickkontakt auf, lässt keine körperliche Nähe zu.   

Zweifelsfrei können diese Verhaltensweisen bei dem einen oder anderen als „autistisch“ identifizierten Menschen beobachtet werden.

Das beobachtbare Verhalten von Menschen im Autistischen-Spektrum ist jedoch sehr vielfältig. Menschen im Autistischen-Spektrum können auch Blickkontakt aufnehmen, Körperkontakten nicht ausweichen, wenige Kontakte zu anderen Menschen haben. Diese Kontakte sind meist interessengeleitet und emotional nicht so besetzt, dass man von engen Beziehungen sprechen kann, auch wenn diese als „Freundschaften“ deklariert werden. Meist jedoch werden Menschen im Autistischen-Spektrum, beginnend in der Schulzeit, aufgrund ihres „Anderseins“ von Mitschüler*innen und Lehrer*innen ausgegrenzt und ob ihrer sozialen Ungeschicklichkeit häufig auch „gemobbt“. Menschen im Autistischen-Spektrum sind durchaus auch in der Lage, soziale Zusammenhänge zu erkennen (zum Beispiel anhand vom Gesichtsausdruck in sozialen Situationen, oder auch Wortbedeutungen, oder soziale Symbolik zu hinterschauen), jedoch ist die Treffsicherheit der Bewertung und Umsetzung dieser Wahrnehmungen in sozialen Kontexten eher gering und häufig nicht kompatibel.

Das Autistische-Spektrum ist wie jedwede andere seelische Funktion auch von Entwicklungsprozessen abhängig, insofern kein statisches Phänomen. Das Erscheinungsbild ändert sich über die Zeit. Insbesondere mit beginnender Adoleszenz (landläufig als „Pubertät“ bekannt, der Begriff „Pubertät“ bezeichnet lediglich aber nur die biologisch-sexuelle Reife) suchen Jugendliche im Autistischen-Spektrum auch aktiv den Kontakt zu anderen Menschen, was übrigens meist nicht angemessen gelingt und zu massiveren Problemen führt. Gelegentlich werden in der adoleszenten Identitätssuche soziale Rollen einfach nur unkritisch übernommen oder im Mangel an sozialer Kompetenz unkritisch „ausprobiert“ (kopiert).

 

Was bedeutet das?

Wenn man „Autismus“ ausschließlich nur über das beobachtbare Verhalten definiert, nicht jedoch darüber, wie Menschen im Autistischen-Spektrum wahrnehmen und denken, wie sie kognitiv und emotional hoch subjektiv bewerten und regulieren, dann kann man das Autistische-Spektrum in seiner Komplexität nicht erkennen... auch nicht verstehen.  

Wenn aber das Verständnis für die Ursachen, die inneren Regulationsbesonderheiten des „autistischen Andersseins“ fehlt, man besonders bei Kindern und Jugendlichen im Autistisches-Spektrum nur nach einfachen und starren erzieherischen Kriterien bewertet, an deren anderem Ende Disziplinlosigkeit, Desinteressiertheit, Widerstand, Opposition u.ä. stehen, dann können Entwicklungspfade von jungen Menschen im Autistisches-Spektrum bereits frühzeitig wesentlich negativ beeinflusst und verändert werden.

So finden Sie uns!

Kontakt

MOVE gGmbH
Frau Susan Lohse, M.A., Soz.-Päd. (FH)
Robert-Koch-Str.18 | 08340 Schwarzenberg
+49 3774 / 20063
+49 3774 / 20073
move-autismus@freenet.de
move-soko@freenet.de